Journal · Designer & AI

Wir reden nicht über dasselbe, wenn wir Design sagen

Je mehr Designerinnen und Designer ich treffe, die Angst vor AI haben, desto klarer wird mir: Wir reden nicht über dasselbe, wenn wir "Design" sagen.

Es gibt mehr oder weniger zwei Gruppen.

Die einen meinen: schnell ein paar Screens werfen. Varianten produzieren, bis jemand nickt. Sichtbarer Output. Pixel-perfekt. Tool-Beherrschung.

Die anderen meinen: verstehen, für wen, in welchem Kontext, unter welchen Bedingungen, mit welchen Folgen. Modell bauen. Klärungsdisziplin.

Beide Gruppen tragen denselben Titel, sitzen in denselben Teams und bewerben sich auf dieselben Stellen. Deshalb reden auch alle aneinander vorbei, sobald es um AI geht. Die Frage "ersetzt AI Designer" hat für die beiden schlicht nicht dieselbe Antwort.

Wer sich wirklich fürchten muss

Gruppe eins. Die hat berechtigt Angst. Denn genau das macht AI jetzt schneller, auch wenn noch nicht zweifelsfrei besser.

Und Gruppe zwei? Die wird gerade dringender gebraucht denn je.

Denn Design war nie der Screen. Auch nicht das Tool, mit dem er entstand. Design ist die Kette von Entscheidungen, die zum Screen führen. Ein Interface ist nicht das Design. Es ist die sichtbare Folge von Entscheidungen, die längst getroffen wurden, oft ohne dass jemand merkt, wann.

Die eigentliche Arbeit begann immer schon vor dem Interface. Welches Problem lösen wir wirklich? Welche Annahmen richten den grössten Schaden an, wenn sie falsch sind? Wie kommen wir von Annahmen zu Tatsachen?

Wird AI Designer ersetzen? Das ist gar nicht die Frage. Die Frage ist: Was haben wir die letzten Jahre eigentlich unter "Design" verstanden?

Und dann beerdigen wir uns auch noch selbst

Es gibt einen Teil dieser Debatte, der mich ehrlich ärgert.

In den letzten Wochen habe ich wieder mehrere Beiträge gelesen mit derselben Pointe: "Designers are dead." "Pixel-Arbeit ist tot." "Lernt Strategie oder Code."

Wer postet das gerade? Oft Designerinnen und Designer selbst. UX-Leute. Produktmenschen, die uns auf Pixel-Arbeit reduzieren, weil sie selbst nie verstanden haben, was darunter liegt.

Mein Take, nach gut 25 Jahren in dem Feld, mit etwas Frust: Wir demolieren uns die Existenzberechtigung selber.

Wer Design auf Pixel-Schubsen reduziert, egal ob als Selbstdiagnose oder als Fremdurteil, hat den Beruf nie wirklich begriffen. Das war nie der Job. UX war immer der Decision Layer: das Modell von User, Workflow und Informationsfluss, das den Screens zugrunde liegt. Screens kommen aus dem Modell. Sie ersetzen es nicht.

AI macht das jetzt sichtbarer. Wer sich über Pixel-Arbeit identifiziert hat, sieht ersetzbar aus, weil AI Pixel kann. Aber das war schon vorher das schwächere Ende des Berufs. Jetzt fällt es nur als erstes weg.

Der Reflex, das laut mitzurufen, ist verständlich. Wer den Untergang selbst ausruft, wirkt wach statt betroffen. Nur: Es kostet uns genau die Sprache, mit der wir erklären könnten, was wir eigentlich tun.

Hier sollten wir zusammenstehen, statt uns gegenseitig zu beerdigen. Wenn wir uns selbst zur PM-Designer-Hybridrolle erklären oder "designers are cooked" posten, wer soll dann unsere eigentliche Arbeit verteidigen?

Die Arbeit wird nicht weniger

Das ist die Arbeit: verstehen, klären, entscheiden, bevor gebaut wird. Sie wird nicht weniger wegen AI. Im Gegenteil, sie wird teurer, weil das Bauen zur Commodity wird.

Wir verteidigen sie aber nur, wenn wir sie ernst nehmen. Auch untereinander.

Und für alle, die gerade Angst haben: Die ehrliche Frage ist nicht, ob AI dich ersetzt. Sie ist, in welcher der beiden Gruppen du eigentlich arbeiten willst. Die Antwort darauf ist keine Frage von Talent, sondern von Haltung, und man kann sie jederzeit ändern.

Genau an solchen Fragen arbeite ich

Klären, was gebaut werden soll – und Prototypen, die es beweisen. Funktionierende Prototypen für Unternehmen oder direkt: mm@sinnhaft.ch